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Mein Name ist Sascha Seniuk. Für mich ist die Digitalisierung die Emanzipation des Kunden. Und so gehört meine Liebe nicht nur meiner Tochter, sondern auch modernen Technologien, die unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft voranbringen.

17.01.2017

Sascha wird jetzt Blockwart

Das ich mit meiner Meinung am äußersten Rand des politischen Spektrums keine Freunde finde war mir bekannt. Auch habe ich als überzeugtes FDP Mitglied in der Mitte der Gesellschaft bei derzeit 92,5% der Bürger nicht mit besonders viel Zuspruch zu rechnen. So weit hat man sich an die Gegebenheiten gewöhnt. Politische Streitereien beschränkten sich bisher nur auf Diskussionen in einem kleinen Ratssaal um Baugebiete bei denen für die Grünen ein Baum zu viel gefällt und für die SPD ein Parkplatz zu wenig eingeplant war. Am Ende des Abends war man erschöpft, auch weil man vorher bereits acht Stunden arbeiten war. Trotzdem konnte man sich noch in die Augen sehen und am nächsten Tag im Supermarkt freundlich die Tageszeit sagen. So geht es zu im ländlichen Raum, am Rande der Eifel.

Meinen politischen Horizont durfte ich dann erweitern, als ich mich am 16.01.2017 dazu entschied Mitglied bei der CORRECTIV gGmbH zu werden. Diese gemeinnützige Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht mit einem Team von Journalisten frei von zu erfüllenden Quoten und Abgabeterminen echte investigative Recherchearbeit zu leisten. Diese landet dann bei ausgewählten Verlagen — große wie kleine. So ist das Team um den Kopf David Schraven bekannt geworden durch umfangreiche Recherchen zum Absturz von MH17 oder aufgedeckte Missstände in der Krankenhaushygiene. Sozusagen “Team Wallraff” auf dem Niveau eines öffentlich-rechtlichen Spartensenders. Finanziert wird das ganze durch große Stiftungen, Parteien, der Bundeszentrale für politische Bildung und eben durch “einfache” Mitglieder. Nachzulesen ist das alles in den jährlich veröffentlichten Transparenzberichten nebst “Management-Gehältern”. Diese fallen etwa bei David Schraven mit einem Jahresgehalt von über 110.000 € doch recht üppig aus aber, ich armes geistiges, verirrtes Würmerl schreibe das dem “War of Talent” zu und halte es in seiner Position für angemessen. Zumal diese Information nicht etwa Jahre später “geleakt” wurde, sondern offiziell für jeden Interessierten zu lesen ist. Wichtiger für den Verlauf meiner nächsten Stunden war aber eher der Umstand, dass Facebook einen Tag zuvor ankündigte im Kampf gegen Fakenews auf die Hilfe eben dieses unabhängigen Recherchebüros zu setzen.

Nach der Registrierung als Mitglied gibt man mir die Möglichkeit dies der Welt Kund zu tun. Ein Klick genügt und schon landet ein langweiliger Text mit 140 Zeichen bei Twitter. Der Inhalt: “ Ich bin soeben Mitglied des gemeinnützigen Investigativ-Büros CORRECTIV geworden. Sei auch dabei: https://www.correctiv.org/ via @correctiv_org” Für gewöhnlich erwartete ich ab hier nichts aufregendes mehr — Doch hatte ich die Rechnung ohne einen freundlichen Österreicher gemacht ( History repeats itself ). Dieser machte seine Gefolgschaft darauf aufmerksam, dass ich soeben mit einer mickrigen Zahl von 42 Followern als “Blockwart” bei CORRECTIV angeheuert hatte. Trotz stundenlangem Binge Watching von N24 Dokus und dem unermüdlichen Aufklärungswillen meiner damaligen Geschichtslehrerin musste ich diesen Begriff erst einmal googlen. Schnell war mir zwar klar, dass diese Bezeichnung den Straftatbestand einer Beleidigung nach §185 StGB entsprach, allerdings bin ich ein eher unaufgeregter Typ und gerade auf meiner heimischen Couch nicht besonders schnell aus der Fassung zu bringen.

Jetzt wurde mir allerdings bewusst das ich längst einen viralen Hit in der rechten Szene gelandet hatte. An dieser Stelle muss ich mein frisch erworbenes Wissen für eine kleine Aufklärung einsetzen. Jemand mit rechter Gesinnung ist mitnichten ein Nazi. Das steht nämlich für Nationalsozialist und bezeichnet damit zweifelsohne Anhänger der längst zur Grabe getragenen NSDAP und ihrer Nachfolgepartei, welche bereits einen Tag später dank des Bundesverfassungsgerichts nochmal zu kurzem Ruhm kam. Nein — der Rechtsgesinnte fühlt sich heute in der AfD aufgehoben. Dies bestätigte mir nicht nur ein “fettes Like” der AfD Magdeburg für den Blockwart-Tweet, sondern auch viele meiner neu gewonnenen deutschsprachigen Freunde dies und jenseits der Alpen. Denn, auch das habe ich gelernt, der Kampf gegen den erklärten Feind, wahlweise das Establishment, kann auch trotz nationalsozialistischer Avancen über vermeintliche Landesgrenzen hinweg stattfinden. Wobei diese Grenzen ja sowieso eine Erfindung des Wahrheitsministeriums um ihren Propagandeminister Heiko Maas zu sein scheinen.

So verbrachte ich die folgenden Stunden damit den Haufen zu beobachten, in den ich soeben rein getreten war. Gut erzogen wie ich bin, nahm die Geschichte nochmal fahrt auf, als ich begann auf die mir gestellten Fragen einzugehen. Man wollte wissen ob ich vom üppigen Gehalt meines Bosses weiß, wie es sich anfühlt für die Stasi zu arbeiten und natürlich allgemeine Fragen zu meinem Gesundheitszustand. Es erging mir ein wenig wie bei IBES ( Dschungelcamp ) und anderen medialen Großereignissen bei Twitter. -Ich kam mit dem lesen nicht nach- Wobei ich das auch nicht musste. Der Duktus entsprach einem Einheitsbrei, der zusammen mit schwarz-weiß-roten Profilbildern und damit korrespondierenden Namen ein einfaches Schubladendenken möglich machten. Das Vorgehen war auch immer das Selbe: Blockwart-Tweet liken, Blockwart-Tweet teilen, beleidigendes Kommentar da lassen. Das ganze ergab eine wunderbare Spirale, die sich immer tiefer in einen dunkelbraunen Sumpf bohrte und auch die andere Seite einmal zwang ihre Filterblase zu verlassen oder mich zumindest an ihrer teilhaben zu lassen. Sozusagen Völkerverständigung mit nur einem Klick. Das Internet ist etwas wunderbares. Letztes Jahr hatte ich noch nicht damit gerechnet einmal auf dem Radar einer Pegida-Mitbegründerin zu stehen. Irgendwie passte es da auch ins Bild, dass am 17.01.2017 das Bundesverfassungsgericht das NPD Verbotsverfahren aufhob. Die dazugehörige Berichterstattungspanne der “Lügenpresse” wurde natürlich direkt als Beweis für eine Gleichschaltung selbiger angesehen.

Ich habe keine Ahnung wie lange ich jetzt noch auf dem Radar dieser Menschen sein werde. Die Spirale dreht sich auch 24 Stunden nach meinem Eintritt bei CORRECTIV immer weiter. Die Maschinerie funktioniert. Mein Wortschatz ist um einige Wörter gewachsen, die ich aber sicher nicht benutzen werde. Meine Entscheidung vor über 10 Jahren in eine demokratische Partei einzutreten wurde noch einmal bestärkt.

Am Ende bleibt mir Betroffenheit und Bestürzung für die, die eben nicht Deutschlands beste Bildung genossen haben.